Karriere als Flitzer in der Schweiz
Bericht aus der Studierenden Zeitung Zürich
Ein nackter Feldzug
Der Informatiker Michael schaffte sich unverhofft ein zweites Standbein: Auf eine betrunkene Aktion folgte eine Karriere als Flitzer und eine Rolle in Beat Schlatters Spielfilm.
Michael war 22, als er zum ersten Mal am Rand eines Fussballfelds die Hose herunterliess. Es war der Sommer 2011, als der Kaiserstuhl-Cup in Baden-Württemberg bald zum zweiten Mal durch einen spärlich bekleideten, jungen Mann unterbrochen werden sollte. Eine Partie zuvor war ein Fan des gegnerischen Rot-Weiss Essen nackt bis auf eine schwarze Sturmhaube über den Rasen geflitzt, ganz zur Entgeisterung der Fans vom FC Luzern, zu denen auch Michael gehörte. Dass die Anhänger*innen des Gegners mehr Spass hatten als sie, konnte besonders er nicht auf sich sitzen lassen. Und so trennte kurzerhand nur noch die Tür einer Toilettenkabine Michaels entblössten Unterkörper und die grünen Weiten des Stadions.
Flitzen auf Auftrag
Dass diese erste Flitzerfahrung nebst einer um Jahre verspäteten Busse auch eine neue Karriere zur Folge haben würde, hätte der heute fast 40-Jährige nicht gedacht. Angespornt durch seine Nachahmer*innen flitzte er weiterhin bei den Spielen seines Lieblingsclubs und wurde so im Luzerner Fanlager als «de Flitzer» bekannt. «Daraufhin fragte mich ein Arbeitskollege, ob ich nicht beim Rollerderby seiner Freundin flitzen wollte, woraus sich auf einmal immer mehr Aufträge ergaben», erzählt er. So rannte Michael unter anderem nackt über die Bühne des Luzerner Komikers Johnny Burn. Kurz darauf erhielt er einen Anruf von Kabarettisten und Drehbuchautor Beat Schlatter.
Der Zürcher Promi stellte ihn für einen Gag bei TeleZüri ein, wo er unbekleidet durch die Wettervorhersage rannte, und bot ihm dann eine Statistenrolle in seinem Spielfilm «Flitzer» an. Für Michael, der zur Studienzeit den Minor Filmwissenschaft belegt hatte, ging damit ein langjähriger Traum in Erfüllung. Der Film handelt von einem verwitweten Lehrer. Dieser hatte Geld seiner Schule verwettet und nun grosse Schulden. Um sie zurückzahlen zu können, steigt er selbst ins Wettgeschäft ein und beginnt, Flitzer*innen zu trainieren. An Sportanlässen wettet dann das Publikum auf deren Erscheinung. Michael spielt einen dieser Flitzer*innen. Dafür durfte er mehrmals über den noch vom Tau bedeckten Rasen des Brügglifelds in Aarau flitzen, wobei er nach jeder Aufnahme mit einem Bademantel empfangen wurde, bis die Filmschaffenden mit seinem Auftritt zufrieden waren.
«Richtiger Luxus war das», erzählt er lachend. Im echten Leben seien seine Auftritte nämlich nicht so entspannt. So unterschätze man als Person mit durchschnittlicher Ausdauer sowohl die Länge als auch die Breite eines Fussballfeldes. Dazu wird man vom Sicherheitspersonal gejagt, das trotz Nacktheit kein Problem mit Körperkontakt habe. «Meine Energie leidet da schon manchmal, besonders sportlich bin ich nämlich nicht», sagt Michael. So kam er auch bei seinem allerersten Auftritt ganz schön ins Schwitzen – doch nicht erst auf dem Feld: «Als ich damals in dieser Toilettenkabine stand, überkam mich auf einmal die nackte Panik.» Der Alkohol schien seine mutmachende Wirkung verloren zu haben und der Lärm der Fans klang plötzlich bedrohlich. «Ich dachte nur noch, oh Gott, was mache ich hier überhaupt?»
Verzweifelt habe er nach seinem Komplizen gerufen, um den Plan wieder abzubrechen. Doch dieser wartete bereits gespannt auf der anderen Seite des Rasens; unter dem Arm Michaels Hose, Unterhose, Schuhe, Socken und Handy. Es blieb ihm somit keine Wahl. Er öffnete die Kabinentür, sprang über die Absperrung und rannte los. «Da war ich plötzlich mitten auf dem Platz und alle starrten mich an. Es war schrecklich», sagt er. Doch auf die anfängliche Panik folgte Euphorie: «Auf einmal begann ich es aber zu geniessen. Die Reaktionen der Fans waren das Beste, ihre schockierten Blicke und wie sie sich nicht mehr halten konnten vor Lachen.» Für seine folgenden Flitzauftritte waren diese der grösste Anreiz, wobei aber auch Alkohol eine entscheidende Rolle spielte.
Stören, ohne zu schaden
Michaels Vorgänger*innen hätten andere Beweggründe gehabt. So stellte Sportsoziologe Felix Kühnle fest, dass Flitzen einer Freiheitssymbolik entsprang, die in den 70er Jahren ausgelebt wurde. Öffentliche Nacktheit habe jungen Menschen die Möglichkeit gegeben, gegen traditionelle Normen zu rebellieren. So sei der Effekt auf das Publikum zu jener Zeit jedoch eher der Entrüstung zuzuordnen als der Freude. Neben Provokation gibt es auch Flitzer*innen, die ihren Auftritt zur Leinwand politischer Botschaften machen. Der wohl Bekannteste ist dabei Jimmy Jump. Durch seine Aktionen häufte er Bussen von bis zu 300’000 Euro an. Michael habe nie ein konkretes politisches Motiv gehabt, jedoch sah er in seinen Feldzügen eine Protesthaltung gegen das «Geschleckte» im Fussball: «In diesem Kosmos, wo es um viel Geld geht und stets gejammert wird, wenn ein Fan mal eine Fackel zündet, war das Flitzen eine Möglichkeit, zu stören, ohne jemandem zu schaden.»
Flitzen würde er heute jedoch nicht mehr: «Auch wenn ich es noch immer lustig finde, bin ich heute fast 40 und es gibt Kinder im Stadion. Da muss ich nicht nackt herumrennen.» Doch in Erinnerungen schwelgt er gerne. Besonders in jener an den Match im Jahr 2011, als er endlich in die Arme seines Komplizen rannte und sich in Windeseile wieder die Hose anzog.
Link zum Artikel: ZSONLINE - Artikel
Zum Start in die Vorweihnachtszeit lanciert die USL, die Dachorganisation der FC Luzern Fans, mit dem «Adventsbock» einen Online-Adventskalender mit amüsanten und kultigen Geschichten vom und neben dem Fussballplatz aus vergangenen Tagen.
Der Auftakt macht ein ehemaliger Flitzer und beschreibt sein Debut im Jahre 2011 bei einem Testspiel des FC Luzern am Kaiserstuhl-Cup in Bahlingen.
| Das Paraguay-Trikot steuerte den nötigen Mut für den ersten Auftritt bei. Foto: zVg. |
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17.9.2016, Cupspiel: Ticino Le Locle (2.i) – Luzern 0:3
| Lange das Highlight in Le Locle: Ein Flitzer |



































